Die Lüge vom rechtsfreien Raum


Es begab sich zu einer Zeit, da wurde das Internet vielen Menschen verfügbar gemacht. Klar, es war noch etwas umständlich und laut, aber immer hin. Die Mächtigen, die Parteien, ich meine die alt eingesessenen, beäugten das damals schon kritisch. Aber jetzt sehnen sie sich anscheinend zurück in diesen Zustand.

Das Internet war damals nämlich viel durchsichtiger, jedenfalls aus heutiger Perspektive und jedenfalls behaupten das alle. Die Menschen waren entusiastisch damals, weshalb sie Homepages kreierten und ihre echten Namen benutzen. „Hi, mein Name ist XY, ich komme aus Z und meine Hobbys sind bla.“ Jetzt sind wir im Zeitalter des Web 2.0. Im Web 2.0 können die Menschen viel mehr im Internet machen als ne Homepage mit Gästebuch erstellen, Kommunikation existiert auf vielen Wegen. Die Menschen vernetzen sich, tauschen Meinungen aus, können sich in Echtzeit über Parkbesetzungen in Stuttgart informieren. Auch werden mehr Pseudonyme benutzt. Und das prangern die Mächtigen an: Das Internet sei ein rechtsfreier Raum, die Menschen könnten anonym potentielle Straftaten begehen.

Dabei hat sich nicht viel geändert. Aus Homepages mit persönlichem Scheiß ist ein Facebook-Profil mit persönlichem Scheiß geworden. Wo mensch früher noch lange brauchte um für irgend eine Aktion ne Homepage zu erstellen, steht so ein Blog innerhalb von 10 Minuten mit allen wichtigen Infos bereit. Es geht schneller. Aber nicht anonymer als vorher. Im Gegenteil: Eine Menge von Dingen versucht, die Identität eines_einer jeden Nutzers_in aufzudecken und Profile zu erstellen, die die gesamte Internetaktivität speichern und weitergeben. Cookies, Supercookies etc. Allein die Tatsache, dass wir nur ins Internet können mit einem Internet-Anschluss, der auf einen Namen angemeldet werden muss. Facebook hat das Datamining mitnichten erfunden.

Was früher allein anders war: Die enthusiastischen Erst-Nutzer_innen haben sich damals nen Scheiß gekümmert. Erstmal rein ins Internet und los legen, Datenschutz war nicht die erste aller Sorgen im Web 1.0. Jetzt aber beschweren sich die Leute. Sie meckern über die AGBs bei Facebook, wollen Verträge stoppen, die das Internet zensieren. Sie fügen zu ihren Browsern Cookieblocker hinzu, Verbieten Tracker und Scripte. Die Distribution Ubuntu von Linux ist mittlerweile benutzerfreundlich für jede_n Nutzer_in, lässt sich genau so intuitiv bedienen und ist vor allem viel besser vor Viren geschützt als Windows. Ja, auch vor Trojanern des BKA oder sonst irgend einer staatlichen Exekutiv-Institution.

Die besonders schlimmen, allerdings sind sie noch in der Mehrheit, ändern ihre IP-Adressen, benutzen TOR oder VPN-Clients, die keinen Rückschluss auf ihre echte Identität zu lassen.

Ja, das ist das einzige was sich geändert hat: Jede_r Nutzer_in hat jetzt die Möglichkeit, sich zu informieren, kostenlos zu benutzen und völlig anonym zu sein. Es ist im Prinzip egal, dass die meisten das gar nicht in Anspruch nehmen (wollen). Die Leute verkaufen ihre Daten quasi noch freiwillig bei Facebook, 800 Mio Nutzer_innen sprechen schließlich Bände. Es ist allein die Möglichkeit, die den Mächtigen Angst macht. Denn das Internet ist kein rechtsfreier Raum und das wissen die Politiker_innen auch selber. Sie verbreiten trotzdem schön weiter diese Lüge, mit der sie die älteren, ängstlichen Wähler_innen ködern wollen, um so tolle Abkommen wie ACTA rechtfertigen zu können.

http://www.avaaz.org/de/eu_save_the_internet_spread/

http://wiki.stoppacta-protest.info/DE:Demo:Dortmund

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