Die Castor-Proteste und die Medien: immer wieder ein Fail


2011 fuhr hoffentlich der letzte Castor Richtung Gorleben ins Zwischenlager. Es war der 13.Transport. Traditionell sind an den großen Protesten im Wendland folgende Gruppen beteiligt: Die Demonstrierenden (Wendländer_innen eingeschlossen), die Polizei und natürlich die Medien. Letztere berichteten größtenteils auch dieses Jahr frei nach dem Motto „Quantitativ statt Qualitativ“.

Zu erst einmal ist zu sagen, dass es viele News-Ticker gab. Die Tagesschau/der NDR hatte einen, „Heute“ hatte einen, der Focus hatte einen, die taz hatte einen. Und dann gab es natürlich noch den unabhängigen offiziellen castorticker. Letzterer wurde von den anderen erwähnten Medien oft zitiert, was schon mal sehr positiv ist. Trotzdem gab es Unterschiede zwischen den Tickern, was die Auswahl der Informationen angeht. Die meisten Ticker hörten auf zu informieren, als der Zug in Gorleben einfuhr, auch wenn es danach noch einiges zu berichten gegeben hätte. Und auch die meisten Ticker sprachen hier und da mal von „Zusammenstößen“ oder „Auseinandersetzungen“ mit der Polizei. Wie immer eigentlich waren es aber meist die „autonomen Gewalttäter“, die damit angefangen haben. Was auch keinen Aufschrei nach sich zog, obwohl sich im Wendland selbst sehr viele Journalisten darüber beschwerten: Der Umgang der Polizei mit den Journalisten.

Fangen wir mit letzterem an. Natürlich war eine sehr große Gruppe der Menschen im Wendland die Journalist_innen. Sie hatten Presseausweise der Polizei um den Hals und waren praktisch überall und besonders da, wo „Krawall“ zu erwarten war, d.h. im Widerstandsnest Metzingen, bei den Schotterern und so generell in der Göhrde. Allein der taz ist es zumindest eine Erwähnung im Ticker wert, dass die Polizei die Journalisten oft wegjagte, gar körperlich angriff. Allerdings verwaist die taz dabei auf den castorticker, der dies zuerst meldete. Im Wendland wird es im November schnell dunkel und daher muss die Presse für ihre Aufnahmen die Lichter an den Kameras anmachen. Besonders dies schien der Polizei ein Dorn im Auge gewesen zu sein und so wurde gerade in solchen Situationen mal eben die Kamera nach unten geschlagen und den Journalisten „verboten“, mit Licht zu filmen. In der Aufnahme vom 25.11.2011 von den Filmpiraten, als die Polizei das Widerstandsnest Metzingen mit Räumpanzern, Wasserwerfern und 50 Wannen stürmte, ist so ein Fall dokumentiert.  Bei der Blockade-Aktion von Greenpeace auf der Straße baute die Polizei gar eine „Abschirmwand“ auf, um den Journalist_innen das filmen und fotografieren der Situation zu erschweren (Zu sehen auf diesem Video ab Minute 1:05).
Vor Ort konnte mensch viele Journalist_innen hören, die sich darüber beschwerten, wie mit ihnen umgegangen wird. Jetzt liest mensch gar nichts bis kaum was darüber. Schade eigentlich, dass den Pressevertreter_innen der Umgang mit ihrem Berufsstand keine Erwähnung wert ist. Zumindest solidarisch mit angegriffenen Kolleg_innen könnten sie sich zeigen.

Quelle: taz

Kommen wir nun zum nächsten Thema: Recherche und Darstellung. Für viele Medienvertreter_innen scheint diese nur noch darin zu bestehen, die dpa und die Polizei-Pressemitteilungen abzuschreiben, auch beim Castor 2011 war das nicht anders. Die Presseleute der Polizei prägen das Bild in der Berichterstattung, immer gerade dann wenn es sog. „Zusammenstöße“ oder „Auseinandersetzungen“ mit Demonstrierenden gab. Wie die Demonstrierenden das wohl sehen? Egal. Besonders fällt hier das zdf auf, welches anscheinend eine Art Absprache mit der Polizei hatte. So ist dieses Jahr die Verfälschung der Tatsachen bei der Berichterstattung der ZDF-Sendung „Heute“ am größten und besten. In der Mediathek wimmelt es von Videos, wo die Polizei sprechen darf und andere nicht. In dem Video „Krawalle bei Castor Transport“ wird die Frage gestellt, wer denn angefangen hätte mit der Gewalt – natürlich liefert die Antwort darauf der Polizeisprecher von Lüneburg.  Im gleichen Beitrag werden wild zusammen gewürfelte Ausschnitte von Polizisten, Demonstrierenden und brennenden Barrikaden gezeigt und einfach mal behauptet, auf  „fliegende Böller“ werde mit „Wasserwerfern geantwortet“, obwohl auf den Bildern zu sehen ist, dass diese Wasserwerfer gerade brennende Barrikaden löscht. Unter „Krawall“ fallen dann auch friedliche Sitzblockaden oder Ankettaktionen. Und Metzingen kommt natürlich auch vor – aber leider sieht mensch nur Böller, die auf einen Wasserwerfer geworfen werden. Unter dem Namen „Heftiger Widerstand“ wird der Vorfall vom 25.11.2011 in Metzingen in einem anderen Beitrag komplett falsch dargestellt. So wird behauptet, die Menschen blockierten die B216, würden aus der Blockade heraus die Polizei angreifen und würde mit Wasserwerfern in ihr Camp zurückgetrieben. Wer die wahren Abläufe des Abends erfahren möchte, schaut sich am besten das Video von den filmpiraten an (s.o.), denn dort gibt es die fast ungeschnittene Version. Fakt ist, dass die Polizei vom hinteren Eingang (NICHT aus Richtung b216) mit Wasserwerfern, Räumpanzern und 50 Wannen in die Dorfstraße einfuhr, welche ebenfalls zum Camp gehört und die Menschen dort so hinterrücks überfiel. Fakt ist, dass die Polizei NICHT mehrere Aufforderungen durchsagte (wie vom Gesetzgeben vorgegeben, auch in Niedersachsen und auch gültig für die Hundertschaft Hamburg), sondern nur eine, die da lautete „Dies ist die erste und letzte Durchsage“. Fakt ist, dass die Polizei auch am nächsten Abend das Camp erneut stürmen wollte. Fakt ist, dass die ganzen Nächte hindurch Hubschrauber relativ tief über dem Camp flogen. Das alles, um die Widerständigen am schlafen zu hindern und so vom Protest abzuhalten.
Aber die Journalisten interessiert das nicht, insbesondere das ZDF. Die bleiben dann bis zum Ende des Krawalls im Camp, essen noch schnell was von der Vokü und fahren dann in ihr Hotel. Am nächsten Tag können sie ja entweder einen Polizisten interviewen oder die PM von ihnen abschreiben.
Einige Zeitungsportale sind sich sogar nicht zu schade, noch den Film über den Vorfall der „Filmpiraten“ als „nicht professionell“, „gekürzt“ und daher „nicht glaubwürdig“ darzustellen. Ob das absichtliche Ironie ist?

Wer sind hier die Chaoten?

Die Berichterstattung endet, als der Castor Gorleben erreicht. Auch hier hat die Presse verschlafen, dass die Polizei dann erstmal richtig los legte. 5 Minuten nach Vorbeifahrt Laase stürmt dort die Polizei erneut, nach schon vorher stattfindenden Übergriffen, die angemeldete Kundgebung und ein Sanitätszelt wo all diejenigen drin liegen, die erst vor 2 Stunden von der Polizei nass gespritzt oder verprügelt wurden. Dabei werden auch die Sanitäter angegriffenen, die sich vor das Zelt stellen und die Polizei nicht durchlassen wollen. Nur die taz und natürlich der castorticker berichten darüber.

Quelle: taz

Schnell ist die Polizei, als es darum geht die Vorwürfe der BI Lüchow-Dannenberg, die Polizei sei viel zu hart vorgegangen, zurück zuweisen. Natürlich. Zwar belegt die BI ihre These mit Zahlen von Verletzten durch „polizeiliche Maßnahmen“ und Behinderungen der Sanitäter durch die Polizei, aber was solls. Wenigstens diese Zahlen fließen korrekt in die Berichterstattung ein, auch wenn die Hintergründe dazu ungenannt bleiben.

Ich könnte hier noch mehr Beispiele aufzählen, noch mehr falsche Darstellungen korrigieren – aber das sprengt einfach den Rahmen. Wichtig ist: Glaubt nicht nur den „offiziellen Medien“, informiert euch auch bei anderen Quellen.

 

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